28.02.2025
Pfarrerin Barbara Manterfeld-Wormit: "Die Welt wird derzeit vielfach erschüttert. Es braucht Beieinanderbleiben. Es braucht einen Kompass aus Gerechtigkeit, Mitgefühl, Nächstenliebe und Vergebung."
Keine Ereignisse heute. Ein Satz, der wie ein Seufzer klingt: keine Sitzung, keine Termine, keine Verpflichtungen. Mein digitaler Kalender blättert diese Verheißung auf: Keine Ereignisse heute!
Das waren schließlich Tage voller Ereignisse: aufregend, beängstigend, furchterregend - erschütternd. Das beschreibt mein Lebensgefühl gerade wohl am ehesten: Es ist wirklich erschüttert. Erschüttert durch die Wahlergebnisse in diesem Land. Durch drei Jahre Krieg in der Ukraine. Durch die Umkehr bislang geltender Werte in den transatlantischen Beziehungen, durch das nicht endende Grauen in Israel und Gaza. Gefühlt kein Tag ohne Ereignisse. Das hört nicht auf, das wird nicht besser. Bitte: keine Ereignisse mehr. Und wenn, dann nur gute.
Und dann stolpere ich doch in ein solches Ereignis hinein: Nach einem Termin in Berlin-Mitte verlasse ich ein Gebäude Unter den Linden - und stehe mitten im Blaulicht. Eine große Menschenmenge zieht Richtung Brandenburger Tor, die Fahnen blau-gelb. Sie rufen: „Russland ist ein Terrorstaat.“ Es sind Frauen, Männer, Kinder – viele haben Tränen in den Augen. Es ist der dritte Jahrestag des Angriffs Russlands auf die Ukraine. Die Menschen sind unterwegs zur russischen Botschaft wenige hundert Meter vor uns.
Ich plötzlich mitten drin - in den Tränen, in der Verzweiflung, auch mitten in der Wut. Nach kurzem Zögern schließe ich mich an. Ich gehe mit zur Botschaft. Es braucht eine Weile, dann spreche ich es mit: Ja, Russland ist ein Terrorstaat.
Was bringt das? Am selben Abend verabschiedet der UN-Sicherheitsrat eine moskaufreundliche Resolution. Der Krieg in der Ukraine geht weiter. Die russische Botschaft Unter den Linden in Berlin ist ein Hochsicherheitstrakt. Der verzweifelte Protestzug draußen wirkt lächerlich klein angesichts der militärischen Großmacht.
Aber für mich macht es einen Unterschied: Ich war nicht länger passiv. Ich bin mitgegangen, wenn auch nur ein paar Schritte. Ich konnte Solidarität zeigen. Ich habe nicht geschwiegen.
Im Kirchenjahr bewegen wir uns auf die Passionszeit zu. Da geht es genau um das: Jesus geht nach Jerusalem, und er geht nicht allein. Seine Jünger begleiten ihn. Die Ereignisse überschlagen sich: Jesus wird verraten, verhaftet, gefoltert und gedemütigt. Geltendes Recht wird gebrochen. Viele Jünger halten das nicht aus und fliehen. Als Jesus am Kreuz stirbt, bebt die Erde wie ein Zeichen: Die Welt ist erschüttert.
In der Passionszeit erinnern Christinnen und Christen daran. Sie tauchen ein in die biblische Geschichte, lassen sich davon berühren, sie zeigen Mitgefühl: Compassion. Und: Sie versuchen, in diesen erschütternden Zeiten an ihrem Kompass festzuhalten, der sich an Jesus von Nazareth ausrichtet. Die Himmelsrichtungen dieses Kompasses heißen: Gerechtigkeit, Mitgefühl, Nächstenliebe, Vergebung.
Ich glaube, wir sind mitten drin in dieser Geschichte: Es braucht Beieinanderbleiben, Mitgehen mit denen, denen Leid angetan wird. Es braucht einen Kompass aus Gerechtigkeit, Mitgefühl, Nächstenliebe und Vergebung. Es braucht die Entschiedenheit, Unrecht zu benennen. Schweigen, schimpfen oder weglaufen ist keine Option.
Mir tut es gut, wenn ich selber etwas tun kann: in meinem unmittelbaren Umfeld, an meinem Arbeitsplatz, in meiner Stadt, in meiner Umgebung. Ich möchte dabeibleiben: bei mir selber und bei denen, die mich brauchen. Und: Ich möchte bei allen Erschütterungen, die sich gerade ereignen, meinen Kompass nicht verlieren: Ich will mir mein Mitgefühl bewahren und meine innere Ruhe nicht gegen Panik eintauschen. Ich will die Hoffnung behalten, dass wir zusammen den richtigen Weg finden werden.
Den Beitrag vom 28. Februar können Sie auf deutschland.de nachhören